Philosophie

Philosophie
Welche Philosophie steht hinter der Arbeit mit dem musikalischen Körper und welchen Beitrag liefert sie allgemein?

Die spürende, haptische Erfahrung von Klang im und am eigenen Körper, der stark ausgeprägte physische Aspekt und das Praktizieren in der Gruppe bringen uns nicht nur uns selbst näher, sondern vermitteln uns außerdem die vier elementaren Prinzipien, unserer Philosophie bei Musik+Körper: HÖREN, NATÜRLICHKEIT, GEMEINSCHAFT und EHRLICHKEIT. Diese Philosophie der vier Säulen kann auch außerhalb der Praxis ins Bewusstsein geholt werden, was sich nachhaltig positiv auf unsere Wahrnehmung und unser Selbstverständnis als Menschen auswirkt.

1.HÖREN-BALANCE

Die deutsche Sprache kennt viele Nuancen des Hörens: lauschen, die Ohren spitzen, zuhören, ganz Ohr sein, anhören, abhören, aufhören…
Das Innehalten ist obendrein eine besonders wertvolle und heilsame Hörform und zwar ein Abgleich von Innen und Außenwelt, eine stille Frage: „wie steht es jetzt, in diesem Moment um meine Balance?“ Dass Gehör und Gleichgewicht auch im anatomischen Sinn eng miteinander verbunden sind, ist kein Zufall.
Wer hörend durch die Welt geht, geht durch einen offenen, „heiligen“ Raum, in dem alle Ereignisse, das Ge-hörte gleichberechtigt und frei existieren. Frei von Wissen, Beurteilung und Reagieren-müssen. Hier kehrt sich der Hörende um und wird selbst ganz Raum. 

Hören heißt leben. Wer sich leblos fühlt, höre, halte inne! Und die Dinge geraten wie von selbst in Balance.

2.NATÜRLICHKEIT 

‚Natürlich‘ heißt, der (menschlichen) Natur entsprechend. Was aber ist die menschliche Natur?
„Geschaffen zwischen Himmel und Erde“ gaben die Daoisten im alten China als Definition an. Also zunächst ein im räumlichen Sinne Aufgespannt-Sein zwischen zwei Polen, dem der Erde und dem des Himmels. Aber auch ein im schöpferischen Sinne Aufgespannt-Sein zwischen Werden und Vergehen.
Wer sich seiner in diesen beiden Dimensionen gleichermaßen gewahr wird, ist natürlich und schöpft auf natürliche Weise. Er hat keinen Besitz am Geschaffenen. So wenig, wie er Besitz am Wasserkreislauf der Erde hat.

3.GEMEINSCHAFT

Ihre äußeren Rollen mögen zunächst unterschiedlich sein, Dirigent und Orchester, Haupt- und Nebenrolle, Solist und Begleitung, Künstler und Publikum… In der künstlerischen Erfahrung jedoch sind alle Akteure gleich wichtig. Es gibt mit anderen Worten keine Hierarchien.
Die künstlerische Erfahrung möchte als Energie verstanden werden, die zu fließen beginnt, sobald das Wir-Gefühl stark ist. Je bewusster sich die Akteure also ihrer Rolle in der Gemeinschaft sind, desto höher ist die künstlerische Energie.

4.EHRLICHKEIT 

Der Körper lügt nicht. Die Stimme lügt nicht.
Vielmehr sprechen sie Bände!
Schließlich ist der Mensch ein permanent schwingendes Instrument, in Aktivität genauso wie in der Stille.
Fangen wir also an uns ehrlich und unvoreingenommen auf die mannigfaltigen Schwingungen einzulassen, die wir unentwegt aussenden, können wir lernen diese in Harmonie mit uns selbst, unserer Umgebung und unseren Mitmenschen zu bringen.

Gewidmet Ti Uc, Jänner 2017

Foto: Franziska Luber