Gabriel Hahn: „Mein Körper, mein Instrument“

Körper

Gabriel Hahn studierte Jazz-Schlagzeug und Komposition in München und Dresden. Heute lebt er in Berlin und macht BodyMusic – Musik am und mit dem eigenen Körper. Außer ihm gibt es bislang nur zwei weitere in Berlin, die BodyMusic betreiben. Wie funktioniert das? Was für eine Zukunft sieht der 33-Jährige in einer noch kaum entwickelten Branche?


CCB Magazin: Hallo Gabriel, erzähl mal: Wer bist Du und was machst Du?

Gabriel: Ich heiße Gabriel Hahn und ich mache BodyMusic. Das ist ganz einfach ausgedrückt Musik oder Klangkunst und -gestaltung mit, am und im eigenen Körper. Für mich ist BodyMusic außerdem der Inbegriff von Gegenwartskunst. Man ist permanent im Erleben, man spürt sich und seinen Körper ständig. BodyMusic ist dauerhafte Selbsterfahrung – und trotzdem steht man auf der Bühne. Außerdem steht BodyMusic für globale Vernetzung. Denn die Menschen unterschiedlichster Herkunft bringen ihren kulturellen Background mit ein: Ob das jetzt der Schuhplattler aus Bayern ist, die Stepptänzerin aus Amerika oder der Flamencosänger aus Andalusien.  BodyMusic ist Musik in Reinform und funktioniert auch losgelöst von spezifischen Genres und Stilelementen.

CCB Magazin:Also eine ursprüngliche Form von Musik? Zurück zu den Wurzeln und zu alten Traditionen?

Gabriel:Genau. Der Mensch selbst ist das älteste Orchester der Welt. Die Stimme ist das erste Instrument, der Körper die Trommel: beides zusammen ist schon wie eine kleine Band. Wahrscheinlich ist BodyMusic sogar die erste und älteste Musikform des Menschen überhaupt. BodyMusic ist wahnsinnig elementar, ganz geerdet, sie setzt am Ursprung an. Gleichzeitig kann man mit ihr aber auch abstrakte Inhalte vermitteln und konzeptionell arbeiten. BodyMusic ist immer direkt mit den Menschen verbunden. Hier ist kein Vermittler nötig, man braucht kein Instrument, das die Vorstellungen erst übersetzen muss – der Körper ist das Instrument.

Gabriel Hahn in Aktion, Quelle: Gabriel Hahn auf YouTube.

CCB Magazin:Du hast aber zunächst eine klassische Musikausbildung absolviert. Was war der Impuls, dass Du angefangen hast, Deinen Körper als Instrument einzusetzen?

Gabriel:Ich habe Jazz-Schlagzeug in München und danach den Master „Komposition“ Dresden studiert. Ich komme aus einer Musikerfamilie, meine Eltern sind in der Klassik beheimatet. Ich bin also schon recht früh mit Musik in Berührung gekommen. Und im Grunde hat mich der Jazz zu BodyMusic geführt: Jazz ist eine offene, durchlässige Kunstform, die immer wieder Neues aufnimmt und hervorbringt. Jazz bietet rhythmischen Reichtum in all seinen Facetten und die Improvisation ist einer ihrer Hauptbestandteile. Ich glaube, dass ich mich erst über den Jazz befreien konnte. Irgendwann merkte ich aber, dass mir beim bloßen Schlagzeugspiel der allumfassende Selbsterfahrungsaspekt fehlte. So fing ich an, meinen Körper als Instrument einzusetzen. Zunächst schaute ich dazu Videos auf YouTube von Leuten, die ähnliches machen, dann habe ich einen Workshop bei einem Mitglied von STOMP besucht, mich im Anschluss mit Beatboxern ausgetauscht und Unterricht in Stimmbildung und Gesang genommen.

CCB Magazin:Wovon lebst Du heute? Von Deiner Musik als Jazzmusiker oder von BodyMusic?

Gabriel:Von beidem. Zum einen spiele ich nach wie vor Schlagzeug und Percussion in einigen Ensembles und gebe ich mich da auch mal dem Schlager hin, wenn ich bei Howard Carpendale auf Tour als Background-Sänger und Percussionist aushelfe. Zum anderen halte ich Workshops im Bereich BodyMusic. Das sind Teambuildings, Fortbildungen für Schullehrer, Bühnenprojekte mit Schulklassen, Trainings für Chöre und vieles mehr. Auch Geflüchtete, die noch kein Wort deutsch sprechen, sind am Start. Speziell für Berlin gibt’s jetzt regelmäßige Treffen, sogenannte Meetups, wo einfach jeder kostenlos mal reinschnuppern und mitmachen kann. Preislich orientiere ich mich je nach Funktion grob am Markt ähnlicher Tätigkeiten: als Coach und Teamleiter sind es zwischen 500 und 1500 Euro am Tag, als Dozent in Musikschulen ca. 300 Euro für 2 bis 3 Stunden. Die Preise variieren aber sehr, von den Low-Budget-Projekten ganz zu schweigen.

Der Mensch ist das älteste Orchester der Welt

CCB Magazin:Wie würdest Du den Markt für BodyMusic einschätzen?

Gabriel:Der Markt für BodyMusic, besonders auch als Kunstrichtung, steckt noch in den Kinderschuhen. Zwar gibt es seit zwei Jahren in Hamburg das Body Rhythm Festival, organisiert von meinem Kollegen Ben Schütz – die bisher einzige BodyMusic-Plattform von internationalem Format in Deutschland. Aber bis auf mich gibt’s in Berlin bislang nur zwei weitere, die in diesem Bereich arbeiten. An Hochschulen oder Unis werden höchstens ein paar Elemente von BodyMusic unterrichtet. Eine richtige Ausbildung oder einen separaten Studiengang gibt es nicht, da sich BodyMusic noch gar nicht standardisieren lässt. Bislang wird BodyMusic vorwiegend im pädagogischen Bereich eingesetzt, an Schulen oder in Kulturzentren.

CCB Magazin:Du bist aus München und lebst seit 2010 in Berlin. Was bedeutet Berlin für Dich und Deine Arbeit?

Gabriel:In Berlin gibt es ein unheimlich breites Netzwerk, eine unheimlich hohe Clubdichte, auch für Jazz-Musiker. Das ist sehr hilfreich. In Berlin finden außerdem die unterschiedlichsten Menschen und Kulturen zusammen, was wichtig ist für BodyMusic, die immer auf Kooperationen basiert. So arbeite ich zum Beispiel mit Beatboxern zusammen, mit Tänzerinnen oder Sängern. Alle arbeiten so wie ich mit Bewegung und Stimme oder Stimmsounds. Außerdem trete ich mit dem Soundchor Ohrlabor in Clubs oder Theatern auf. Da machen wir Geräuschgeschichten. Das ist ein bisschen wie ein Hörspiel, nur mit Sounds. Solche Experimente sind in einer Stadt wie Berlin möglich.

Ohrlabor im studioXBerlin, Quelle: Gabriel Hahn auf YouTube.

CCB Magazin:Gerade in Berlin ist aber auch der Markt prekarisiert. So ergab die Jazzstudie 2016, dass 70 Prozent aller Jazzmusiker unter 12.500 Euro im Jahr verdienen und damit unterhalb des Existenzminimums leben. Vor allem in Berlin und Köln sind die Einkommen am geringsten.

Gabriel:Ja, das ist die eine Seite, darum muss man auch wie ich auf mehreren Hochzeiten tanzen. Ich glaube aber auch, dass ich gerade darum zu BodyMusic kam, weil es in Berlin noch keinen Markt dafür gab. Ich fragte mich: „Das gibt’s doch nicht: so viel kreatives Potenzial und niemand beschäftigt sich damit“? Das war der Beginn meiner Arbeit mit BodyMusic.

Ich will BodyMusic als Kunstform etablieren

CCB Magazin:Gabriel, was sind Deine Pläne für die Zukunft? Wo willst Du mit BodyMusic hin?

Gabriel:Ich würde gerne in Zukunft wieder mehr komponieren. Ich habe einige Ansätze bereits in einem Streichquartett ausprobiert, in dem sich die Streicher zum Metronom bewegen, Zungensounds machen und summen. In Anlehnung daran möchte ich noch vieles erforschen und tradierte Musikformen mit BodyMusic verweben. Mein Ziel ist es, BodyMusic als Kunstform zu etablieren. Es wäre doch toll, wenn irgendwann eine Performance-Gruppe mittels BodyMusic etwas auf die Bühne stellt. Und ich würde mir wünschen, dass BodyMusic irgendwann nicht mehr als reine Imitationskunst, Bespaßung oder Pädagogik gilt. Das wird der Sache nicht gerecht. BodyMusic funktioniert als aussagekräftigerer Kontext der musikalischen Erfahrung. Und das ist fantastisch.